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Grün investieren als Lösung? Klimaaktivist ordnet ein.

Grün investieren als Lösung? Klimaaktivist ordnet ein.
Foto: Jannis Große

Welchen Stellenwert räumen langjährige Klimaaktivisten der Divestmentbewegung und grünen Geldanlagen ein? Wir fragten jemanden, der es wissen muss: Tadzio Müller, Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bekannt wurde er unter anderem durch sein Engagement für das Anti-Kohle-Bündnis "Ende Gelände“ – nicht die erste Protestbewegung, in der Tadzio Müller aktiv war: Seit einem Schülerstreik gegen den Irak-Krieg protestierte er etwa 1999 bei den WTO-Protesten in Seattle, war in der Antikriegsbewegung in Großbritannien und bei den Anti-Castor-Protesten in Deutschland aktiv. Er promovierte zu den Wirkungsweisen und Erfolgsfaktoren sozialer Bewegungen und arbeitete als Dozent an der Universität Kassel, bevor es ihn wieder in die Praxis zog.

Grün investieren: Hebel oder Nebel(kerze)?

Auf die Frage, welche Rolle er für nachhaltiges Investieren sieht, meint er:

„Ich finde es gut, wenn Leute, die Geld anlegen können, das in einer weniger schädlichen Art tun. Im Vergleich zum globalen Investitionsvolumen sind diese grünen Geldanlagen jedoch immer noch eine Nische.“

Dass diese Nische wachsen soll, daran lässt er keinen Zweifel, doch mahnt er die Verantwortung der Politik an:

„Geld in gute Zwecke zu stecken oder aus schlechten Zwecken herauszuziehen, bedeutet leider nicht zwingenderweise, dass diese schlechten Zwecke kein Geld mehr bekommen. Global gesehen gibt es einen immensen Investitionshunger und extrem viel Geld, welches rasant schnell fließt. Es ist schön, dass sich viele Institutionen aus den fossilen Rohstoffen zurückziehen, doch pleite gegangen sind die dadurch bisher noch nicht.“

Mit Verweis auf die Carbon Bubble, die Investitionen in fossile Rohstoffe, die bei Durchsetzung des Pariser Klimaabkommens zu gestrandeten, wertlosen Vermögenswerten verkommen würden, mahnt er mehr politischen Mut an:

„Das Pariser Abkommen ist ein internationales Abkommen, welches als solches in direktem Widerspruch zu anderen Abkommen steht. Zu nennen wären hier etwa Freihandels- und Investitionsschutz-Abkommen, die auf dem internationalen Parkett viel wichtiger genommen werden. Es kommt darauf an, die Pariser Ziele in nationale Politik zu überführen – und Deutschland schafft ja nicht mal mehr seine 2020-Klimaziele.“

Grünes Geld ersetzt nicht, sondern ergänzt politischen Druck

Somit betont der Profi-Aktivist die Kraft von Kampagnen und politischem Druck:

„Der Kohleausstieg etwa ist eine Frage des Ordnungsrechts. Wir müssen das schlichtweg durchsetzen und entscheiden.“

Kleinreden will er die Pioniere der nachhaltigen Finanzwirtschaft dennoch nicht.

„Divestment und Co. sind ein Teil der Bewegung und haben eine wichtige Rolle: Sie stoßen Diskussionen an und übersetzen nicht zuletzt Klimagerechtigkeit in die Sprache der Finanzwirtschaft.“

Die Rolle der Finanzwirtschaft wird anscheinend auch von der EU-Kommission ernst genommen, die aktuell an einem „Aktionsplan Nachhaltige Finanzwirtschaft“ arbeitet. Hier geht es vor allem um Standards für nachhaltiges Investieren – unklar ist jedoch noch, ob diese auf die Pioniere oder die breite Masse der Finanzprodukte zutreffen sollen. Treffen die Standards nur die Pioniere, bleibt zu befürchten, dass die einen Mehraufwand tragen müssen, während die großen Finanzmarkt-Player keine weiteren Rechenschaftspflichten haben.

„Es ist gut, dass nun viele Akteure hier Regeln aufstellen wollen. Erst gab es vor 15 Jahren mit dem Stern-Report die volkswirtschaftliche Übersetzung, nun kommt die betriebswirtschaftliche – doch die Wirksamkeit von diesem Prozess muss erst noch bewiesen werden.“

Allgemein ist der Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie unsicher, ob, global betrachtet, nachhaltiges Investieren „die Welt retten“ kann:

“Global betrachtet gingen die Treibhausgas-Emissionen bisher nur mit dem Wirtschaftswachstum zurück. Dahinter liegt der Wachstumszwang – und solange dieser besteht, hilft auch das Investieren in grüne Technologien nichts, denn auch diese haben einen Umweltverbrauch.“

Dennoch schränkte er ein:

„All diese Technologien sind dennoch notwendig – auch in einer Postwachstumsgesellschaft, doch müssen sie sich innerhalb der planetaren Grenzen, also innerhalb der umweltverträglichen Leitplanken, bewegen.“

Tadzio Müller selber ist bei einer konventionellen Bank. „Das liegt vor allem an meiner Faulheit“, räumt er ein. Von Seiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung möchte er keine Bank oder Anlage-Option empfehlen. „Ich kenne allerdings die NGO Urgewald e.V., die sind ziemlich gut!“

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Marius Hasenheit

Geschrieben von Marius Hasenheit

Marius Hasenheit arbeitet am Think Tank Ecologic Institut. Freiberuflich ist er als Berater (strategischer) Kommunikation tätig. Gern schreibt er auch über Umweltthemen – hier bei nachhaltig investieren, bei Zeitungen wie Der Freitag oder Süddeutsche Zeitung oder dem transform Magazin, dessen Mitherausgeber er ist.

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