Wie gut messen ESG-Ratings echte Nachhaltigkeit? Studie prüft 15 Bewertungswerkzeuge

Stand: Oktober 2026

Ist ein Unternehmen wirklich nachhaltig – oder nur etwas weniger schädlich als die Konkurrenz? Diese Frage stellen Forschende der Universität Hamburg um Prof. Dr. Timo Busch. Sie haben 15 verbreitete Werkzeuge untersucht, mit denen Anleger und Fonds die Wirkung von Unternehmen bewerten: darunter die EU-Taxonomie, die EU-Berichtsstandards (ESRS), das Treibhausgas-Protokoll, die Science Based Targets Initiative (SBTi) sowie ESG- und SDG-Ratings von MSCI, Sustainalytics, ISS, S&P Global und anderen.

Was die Studie prüft

Der Maßstab ist „absolute Nachhaltigkeit“. Gemeint ist: Bleibt ein Unternehmen innerhalb dessen, was die Erde verkraftet – etwa beim CO₂-Budget – und trägt es zu sozialen Mindeststandards bei? Die meisten Bewertungen fragen dagegen nur relativ: Ist ein Unternehmen besser als andere in seiner Branche? Ein Ölkonzern kann so ein gutes ESG-Rating bekommen, obwohl sein Geschäft das Klima weiter belastet.

Die Forschenden haben dafür zwölf Kriterien entwickelt, zum Beispiel: Gibt es feste Grenzwerte? Wird die ganze Lieferkette betrachtet? Können gute Taten schlechte verrechnen? Und wird belegt, dass ein Unternehmen tatsächlich etwas bewirkt?

Das Ergebnis

  • Kein Werkzeug deckt alles ab. Jedes hat Stärken in einem Bereich und Lücken in anderen.
  • Feste Grenzwerte fehlen meist. Nur die Klimaziele nach SBTi und die EU-Taxonomie arbeiten mit festen Schwellen – und auch dort bleibt offen, wie sie aus den Grenzen der Erde abgeleitet sind.
  • ESG-Ratings rechnen zusammen. Sie fassen viele Einzelwerte zu einer Note zusammen. Dabei können gute Werte schlechte überdecken. Wie die Ratings genau zustande kommen, ist oft nicht nachvollziehbar.
  • Ob ein Unternehmen wirklich etwas bewirkt, wird kaum belegt. Die meisten Werkzeuge prüfen nur, ob Kriterien erfüllt sind – nicht, ob dadurch tatsächlich weniger CO₂ ausgestoßen oder ein soziales Problem gelöst wird.

Die Autoren betonen: Die Werkzeuge verfolgen unterschiedliche Ziele und ergänzen sich eher. Ein schlechtes Abschneiden heißt nicht, dass ein Werkzeug nutzlos ist – nur, dass es für die Frage „Ist das wirklich nachhaltig?“ allein nicht ausreicht.

Was heißt das für Dich als Anleger? Ein gutes ESG-Rating oder eine hohe „Taxonomie-Quote“ bedeutet nicht, dass ein Unternehmen oder Fonds die Umwelt tatsächlich entlastet. Frag nach: Was schließt der Fonds aus, und wie belegt er seine Wirkung? Wie Du das prüfst, erklären wir unter Nachhaltigkeit erkennen. Am besten nachvollziehen lässt sich Wirkung bei Direktbeteiligungen und Crowdinvesting, wo Dein Geld direkt in ein Projekt fließt – mit höherem Risiko. Mehr dazu: Wie Geldanlagen wirken.

Quelle: Schroeder, L., Pruessner, E. & Busch, T. (2026): Assessing absolute sustainability: An analysis of impact assessment tools. Journal of Cleaner Production. doi.org/10.1016/j.jclepro.2026.149495